Abdi Karshe, 37 Jahre

Somalia/Deutschland: 2009/2014

Ganz genau kann sich Abdi Karshe nicht mehr erinnern, wann ihm sein Vater das rote Trikot in die Hand gedrückt hat. Aber eines ist sicher: Es war lange bevor das Chaos in Mogadischu ausbricht, eine Gewehrkugel seine Wirbelsäule trifft. Abdi Karshe ist noch ein Junge. Sein Vater kommt von einer Geschäftsreise aus Europa zurück, im Gepäck hat er das Trikot von Bayern München. Eines Tages ist das Hemd so ausgewaschen, dass man die Farbe nur noch erahnen kann.

1994: In Mogadischu gibt es nur noch ein Gesetz – das schreiben die Milizen mit der Kalaschnikow. Abdi Karshe trifft ein Querschläger, als vor seiner Schule gekämpft wird. Hüftabwärts querschnittsgelähmt, bald ohne ärztliche Versorgung: Mit dem letzten Geld zahlt seine Familie einen Schleuser für den Jugendlichen. Am Ende einer langen Reise landet Abdi Karshe in München. In der Stadt, aus der sein Lieblingsverein stammt.

18 Monate lang folgt eine Operation der anderen. Abdi Karshe kämpft um sein Leben. Heute hat der 37-Jährige einen deutschen Pass. Er spricht mit fehlerfreiem Deutsch stolz über die Freunde in seiner neuen Heimat.

Ehrenamtlich engagiert er sich in einem Projekt von Handicap International als Trainer für Computerkurse. Seine Schülerinnen und Schüler sind Flüchtlinge mit Behinderung. Trotz all dem Leid, das er erfahren hat: Abdi Karshe ist ein Mensch, der dankbar ist.

Sein Talent will er dennoch mehr nutzen. „Ich würde gerne arbeiten, Steuern zahlen, etwas zurückgeben. Mein größter Wunsch wäre eine IT-Ausbildung. Aber wegen meinen immer wieder anstehenden Operationen gibt es dafür keine Unterstützung von der Agentur für Arbeit“, beschreibt Karshe die letzte große Barriere. Er glaubt fest daran, dass er sie überwinden kann.

„Ich würde gerne arbeiten, Steuern zahlen, etwas zurückgeben. Mein größter Wunsch wäre eine IT-Ausbildung.“

Hintergrund

(Stand 2015) Seit über 20 Jahren existiert in Somalia kein funktionierendes Staatswesen mehr. Das Land gilt als Beispiel für einen „Failed State“. Der Bürgerkrieg hat zu Hungerkatastrophen und unsäglichem Leid geführt. Das Gesundheitssystem brach völlig zusammen, große Teile des Landes versanken in Gesetzlosigkeit. Eine Blauhelm-Mission in den 1990-er Jahre scheiterte. Hundertausende von Zivilisten sind bisher dem Konflikt zum Opfer gefallen. Andere versuchen, dem Krieg durch Flucht zu entkommen. In den Nachbarländern entstanden zahlreiche Flüchtlingslager. Auch äthiopische Truppen griffen bereits in den Konflikt ein, bei dem sich unter anderem extremistische Islamisten und Clan-Kämpfer bis heute erbitterte Gefechte liefern. Das Fehlen eines funktionierenden Staats hat zur Bildung von Piratenverbänden geführt. Der jahrzehntelange Konflikt strahlt so in die ganze Region aus.

 

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So unterstützt Handicap International

Abdi Karshe trifft ein Querschläger, als vor seiner Schule in Mogadishu gekämpft wird. Er ist daraufhin querschnittsgelähmt. Ihm gelingt die Flucht nach Deutschland, wo er sich ehrenamtlich in einem Projekt von Handicap International als Trainer für Computerkurse engagiert. Ein Kernanliegen von Handicap International ist die Inklusion von Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Mitglieder in die Gesellschaft. Das bedeutet, dass sie in ihren Familien und Gemeinschaften als vollwertige Mitglieder behandelt werden und ihre Rechte in Anspruch nehmen können. Dies umfasst beispielsweise auch den Schulbesuch, der für alle zugänglich sein muss, oder inklusive humanitäre Hilfe.

Explosivwaffen (Granaten, Raketen, improvisierte Sprengsätze und Streubomben usw.) töten und verstümmeln. Über 90 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung – und das, obwohl der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten (EWIPA) durch das Völkerrecht verboten ist. Handicap International setzt sich dafür ein, dass das Völkerrecht und der besondere Schutz, unter dem die Zivilbevölkerung steht, mehr geachtet wird und die Betroffenen der explosiven Kriegsreste unterstützt werden.
Zusammen mit INEW beteiligten wir uns aktiv an dem diplomatischen Prozess zur Ausarbeitung einer politischen Erklärung, die dem besseren Schutz der Zivilbevölkerung vor dem Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten dienen soll. Der Text der politischen Erklärung, der seit 17. Juni 2022 in seiner finalen Version vorliegt, beinhaltet auch wesentliche Forderungen von HI und INEW. So werden die humanitären Auswirkungen von Explosivwaffen erstmals anerkannt und klare Verpflichtungen für die Staaten zur Opferhilfe, zur Räumung von Kampfmittelrückständen und zur Risikoaufklärung genannt.