Slava, 7 Jahre

Deutschland-Syrien: 2019

Der Name Zarkotak sagt kaum jemand in Deutschland etwas. Kobane schon eher. Frontstadt gegen den IS, Kämpfe, Zerstörung: Wer in den vergangenen Jahren die Nachrichten verfolgt hat, kann mit Kobane etwas anfangen.

35 Kilometer liegen zwischen Zarkotak und Kobane. Wenn die zwölfjährige Hawlar und ihre siebenjährige Schwester Slava von dem Dorf erzählen, dann ist es eine Reise in ein kleines Paradies. Granatäpfel wachsen dort und Oliven. Und es gibt Tiere. „Jede Menge sogar“, sagt die kleine Slava. Und blickt dazu ganz ernsthaft wie eine kleine Wissenschaftlerin durch ihre Brille. Slava hat sogenannte „Glasknochen“ und kann nach einem Sturz mit starken Brüchen nicht mehr laufen. Einmal hinfallen und schon können ihre Knochen zersplittern.

Jetzt sitzt das Mädchen aufrecht da und nickt eifrig, als ihre Schwester die vorhandenen Tiere des elterlichen Bauernhofs aufzählt: vier Katzen, drei Hunde, 200 Hasen, Tauben, Kühe, Ziegen und Hühner. Und zu feiern weiß man auch in Zarkotak. Bei Hochzeiten, dem kurdischen Neujahrsfest, Zuckerfest oder Fastenbrechen. Hawlar zeigt auf dem betagten Laptop Bilder, die das belegen. Familie und Freundinnen und Freunde blicken fröhlich in die Kamera.

Zarkotak liegt von der Containerunterkunft der Familie in Würzburg nicht nur tausende Kilometer weit entfernt. All die Geschichten, die die beiden Kinder erzählen, sind eine Zeitreise zu Verlorenem. Sie erzählen vom Frieden. Der ist in Syrien noch weit entfernt. Den Hof haben IS-Kämpfer niedergebrannt. Die meisten Familien haben Zarkotak verlassen. Das sagt der Vater Mahmoud, 55. „Es ist eine schlimme Zeit dort“, meint der Lehrer. Er erzählt von den Bombardierungen in Kobane. „Sie haben alles mit Granaten zusammengeschossen. So viel wurde zerstört“, sagt er. Und Hawlar erinnert sich, als sie mit Geschwistern auf einer Matratze im Freien lagen und eine Rakete über ihre Köpfe pfiff. Da wusste Mahmoud, dass sie nicht mehr bleiben können.

„Wir mussten schnell weg. Vor allem unsere kleine Slava braucht besonderen Schutz“, sagt der Vater. Also flohen sie. Zuerst in die nahe Türkei. Von den Millionen Geflüchteten aus Syrien haben die Nachbarländer Türkei, Libanon, Jordanien und Ägypten mit Abstand die meisten aufgenommen. Dann geht es für die Familie nach einiger Zeit weiter Richtung Griechenland. Zwei Stunden auf einem neun Meter langen Boot mit 56 Menschen auf das Meer hinaus. Die Eltern haben Angst, dass sich die kleine Slava im Gedrängel neue Brüche zuzieht. Jeder Ruck, jeder Stoß ist gefährlich – und in einer Fluchtsituation ist das so schwer zu vermeiden.

Von der griechischen Insel Lesbos aus folgt eine 17-tägige Odyssee über die Balkanroute, bis die Familie im September 2015 Deutschland erreicht. Acht Mal müssen sie sich hier in Unterkünften neu einrichten. Jetzt sieht es so aus, als könnte es bald die erste eigene Wohnung für die Familie geben.

„Mir fehlen unsere Tiere so sehr. Vor allem die Hunde und Katzen. An die kann ich mich gut erinnern.“

So hilft Handicap International

Slava floh vor dem Krieg und der Bombardierung in ihrer Heimat Syrien. Explosivwaffen (Granaten, Raketen, Streubomben, improvisierte Sprengsätze usw.) töten und verstümmeln. Über 90 Prozent der Opfer stammen aus der Zivilbevölkerung – und das, obwohl der Einsatz von Explosivwaffen in bevölkerten Gebieten durch das Völkerrecht verboten ist. Handicap International setzt sich dafür ein, dass das Völkerrecht und der besondere Schutz, unter dem die Zivilbevölkerung steht, mehr geachtet wird und die Betroffenen der explosiven Kriegsreste unterstützt werden.

Slava hat Glasknochen, was die Flucht nach Deutschland für sie und ihre Familie noch gefährlicher gemacht hat. Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Prozent aller Geflüchteten sind Geflüchtete mit Behinderung. Sie sind in besonderem Maße dem Risiko der Ausgrenzung ausgesetzt. Weltweit – auch in Deutschland. Hierzulande setzt das Modellprojekt Crossroads | Flucht. Migration. Behinderung. von Handicap International gesellschaftliche und politische Impulse für Veränderungen bei der Aufnahme und Integration dieser Menschen. Ziel des Projektes ist es, die Teilhabe Geflüchteter mit Behinderung zu verbessern.