Barry Romo, 62 Jahre

USA: 2013

Nachts kommt der Dschungel. Sobald die Müdigkeit die Augenlider fallen lässt. Der Dschungel ist finster, und in der Dunkelheit warten die Toten ungeduldig auf Barry Romo. Grausam Verstümmelte. Gefallene Kameraden.

„Der Dschungel ist ein unheiliger Ort“, würde Barry Romo vielleicht sagen, wenn er seinen eigenen Glauben nicht verloren hätte. Vor 42 Jahren in Vietnam.

Es ist nicht so, dass Barry Romo dem nächtlichen Dschungel nicht entkommen könnte. Mit genügend Schlaftabletten wäre es möglich. Nur hat er dann am nächsten Tag Mühe aufzustehen. Weil sich seine Knochen so schwer anfühlen, als wären sie aus Blei gegossen. Dann müsste der 62-Jährige zu anderen Tabletten greifen. Solche, die munter machen.

„Tabletten sind keine Lösung“, sagt Barry Romo deshalb. Und so nimmt er meist keine. Was nicht bedeutet, dass er gelernt hat, mit dem Dschungel fertigzuwerden. Das, weiß der traumatisierte 62-Jährige, wird ihm wohl nie gelingen. Aber er hat sich auf ihn eingestellt.

Der Vietnam-Veteran hat in seiner kleinen Wohnung in Chicago kein Bett stehen, weil ihn die Alpträume nachts über die Bettkante wälzen. Also schläft er auf einer Matratze am Boden. Schon seit über 40 Jahren.

Manchmal rollt er im Schlaf gegen die Bücherregale, die links und rechts aufragen und deren Inhalt meist nur ein Thema kennt: den Krieg.

Beim Sprechen hält er sich oft scheu die Hand vor den Mund. Im Schlaf mahlen seine Zähne aneinander, Millimeter um Millimeter hat er sie so regelrecht abgeschliffen.

Es ist eine simple Frage, die sich ein Veteran stellt, der sechs Menschen getötet hat: „Bin ich noch ein guter Mensch?“

Fast 60.000 Vietnam-Veteranen gaben den Freitod als Antwort.

Barry Romo findet bald nach Ende seines Kampfeinsatzes einen Weg, dem Trauma und der „Schuld“ den Kampf anzusagen: Er reißt Barrieren nieder und erklärt dem Vietnam-Krieg den Krieg. Romo und seine Antikriegsveteranen machen in den USA mobil gegen den Vietnam-Krieg, der immer unpopulärer wird, bespitzelt vom FBI, bedroht von Polizeiknüppeln.

Neulich, vier Jahrzehnte später, hat sich der Veteran des Vietnam-Kriegs mit Irak-Veteranen getroffen. Barry Romo hat ihnen erzählt, wie sich noch nach über 40 Jahren jede Nacht seine Kriegsbücher-Regale, seine Vietnam-Bilder, seine Matratze auf dem Boden in den Dschungel verwandeln: seine Barrierezone. Sie hatten Angst vor seinem Schicksal, vor ihrer Zukunft.

„Bin ich noch ein guter Mensch? Kann ich es noch sein? Im Krieg musste ich sechs Menschen töten.“

Hintergrund

Der Vietnam-Krieg (englisch Vietnam War, vietnamesisch Chiến tranh Việt Nam; seltener auch Chiến tranh Mỹ „Amerikanischer Krieg“) dauerte von etwa 1955 bis 1975. Da er an den Indochinakrieg (1946–1954) anschloss und sich auf die ganze Region erstreckte, wird er auch Zweiter Indochinakrieg genannt. Mehr als 60.000 Vietnam-Veteranen nahmen sich laut einer Studie das Leben. Das sind mehr als die US-Streitkräfte an Gefallenen im – nie erklärten – Vietnam-Krieg vermeldeten: 58.193 von rund zwei Millionen Soldaten im Einsatz. Der Krieg wirft einen langen Schatten bis ins Heute: 1972 saßen 300.000 Vietnam-Veteranen hinter Gittern. Junge Männer, die ihren Platz im zivilen Leben nicht mehr finden konnten. Manche bis heute nicht: Das U.S. Department for Veteran Affairs schätzte im Jahr 2008, dass 61.600 Vietnam-Veteranen permanent obdachlos seien. Zwischen 1955 bzw. 1965 starben zwischen zwei und vier Millionen vietnamesische Zivilisten und über 1,3 Millionen vietnamesische Soldaten sowie 58.220 US-Soldaten und 5.264 Soldaten ihrer Verbündeten. Millionen Vietnamesen wurden verstümmelt und dem hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange ausgesetzt.

 

Die gesamte Geschichte mit noch mehr Bildern und in voller Länge finden Sie auf Spiegel Online.

So hilft Handicap International

Barry Romo ist ein Veteran aus dem Vietnam-Krieg, der im Anschluss an seinen Kampfeinsatz in den USA in der Anti-Kriegs-Bewegung aktiv war. Ein wichtiger Bereich des Engagements von Handicap International ist die politische Kampagnen- und Lobbyarbeit. Diese konzentriert sich auf drei zentrale Themen: Abrüstung und Schutz der Zivilbevölkerung, humanitäre Hilfe und inklusive Entwicklung. Bei unserer Arbeit steht die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Achtung der Rechte und Würde der Menschen, die wir unterstützen, an erster Stelle.